Die Champagner-Unruhen von 1911
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum in der Champagne so ziemlich jedes Detail rund um den berühmtesten Schaumwein der Welt geregelt ist? Die Anbaufläche ist auf 34.200 Hektar begrenzt, die genau in mehrere Unterregionen unterteilt sind, und auch die Rebsorten und Herstellungsverfahren sind genau festgelegt. Ja, sogar die Ertragsgrenze wird jedes Jahr vom Comité Champagne genau festgelegt. Nun könnte man meinen, dass all diese strengen Vorschriften nur ein Ziel haben: die außergewöhnliche Qualität des Schaumweins zu gewährleisten, für die die Champagne weltweit berühmt ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in dieser prestigeträchtigen Weinbauregion noch das Gesetz des Dschungels. Die Champagnerhäuser hatten enorme Freiheiten, während die Winzer meist das Nachsehen hatten. Diese Mischung war ein wirtschaftliches und soziales Pulverfass, das 1911 mit den Champagner-Unruhen zweimal explodierte - und in dessen Folge dieses umfassende Regelwerk entstand, das den Erzeugern noch heute als Zwangsjacke dient. Machen wir eine Reise in die Vergangenheit.
Unruhen in der Champagne: Was vorher geschah
Um zu verstehen, warum es 1911 in der Champagne zu zwei gewaltigen Explosionen kam, müssen wir einige Jahre früher in der Geschichte beginnen, nämlich Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war es üblich, dass die Champagnerhäuser keine oder nur wenige eigene Weinberge besaßen, sondern die benötigten Trauben von Winzern aus der Region kauften. Doch um die Jahrhundertwende hatten diese Winzer kaum noch Trauben zu verkaufen. Das lag zum einen daran, dass ein großer Teil der Weinberge von der legendären Reblausplage heimgesucht und zerstört worden war. Zum anderen hatten schwierige Witterungsverhältnisse zu schlechten Ernten geführt.
Dennoch brauchten die Häuser weiterhin Trauben - schließlich war die Nachfrage nach Champagner schon damals riesig. Außerdem verlangten die Winzer höhere Preise für ihre Ernte, während die Häuser den Preis deutlich drücken wollten. Die Fronten waren verhärtet. Getreu dem Goethe-Zitat: "Warum in die Ferne schweifen? Siehe, das Gute liegt so nah!" begannen die Maisons, ihre Trauben im benachbarten Departement Aube einzukaufen. Das war genau die Region, die heute als Côte des Bar Teil der Champagne ist. Damals gehörte sie jedoch noch nicht zur Champagne.
Zwei Pulverfässer tauchen auf
Als die Winzer von der Aube feststellten, dass die Qualität ihrer Trauben so gut war, dass sie sich für die Champagnerherstellung eigneten, begannen sie prompt, selbst Schaumweine zu produzieren - und sie als Champagner zu verkaufen. Das wiederum gefiel weder den ursprünglichen Winzern der Champagne noch den Häusern. Aube wurde daraufhin geächtet. Im Jahr 1908 erwirkten die Winzer sogar ein Dekret gegen ihre Kollegen von der Aube, das ihnen offiziell verbot, ihre Schaumweine weiterhin Champagner zu nennen.
Inzwischen begannen die Häuser, Trauben aus anderen Regionen Frankreichs zu kaufen. Vor allem die Loire war ein sehr dankbarer Handelspartner. Ja, sogar Fassweine wurden aus Deutschland für die Champagnerherstellung importiert! Das passte den Champagnerwinzern natürlich überhaupt nicht. Sie waren wütend. So wütend, dass im Januar 1911 das erste Pulverfass mit einem lauten Knall explodierte.
Erster Aufstand in der Champagne im Januar 1911
Die Winzer der Region organisierten sich und trafen sich heimlich in den beiden kleinen Dörfern Damery und Hautvilliers, wo sich die meisten Lagerhäuser vieler Champagnerhäuser befanden. Wie ein wütender Mob fingen sie eingehende Lieferungen von der Loire ab und vernichteten alle Trauben. Aber das war noch nicht alles! Die Unruhen eskalierten. Die Winzer brachen in die vollen Lagerhäuser ein und schütteten Grundweine und fertigen Champagner bedenkenlos in die Marne. Das wiederum heizte die Stimmung weiter an. Der wütende Mob verlangte nach noch mehr Zerstörung. So zogen sie weiter nach Aÿ, das damals schon eines der Epizentren der Champagnerproduktion war. Dort stürmten die Winzer Häuser und steckten sie in Brand. Aÿ sollte brennen!
Es gelang ihnen sogar, fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche zu legen, bevor der Gouverneur der Region Paris ein Telegramm mit der Bitte um Hilfe schickte. Die Regierung schickte sofort 40.000 Soldaten in die Region.
Plötzlich herrschte Frieden. Dieser erste Aufstand in der Champagne richtete großen Schaden an, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Aber er zerstörte auch das wenige Vertrauen, das zwischen Winzern und Häusern noch bestand. Immerhin kostete diese bürgerkriegsähnliche Revolte keine Menschenleben. Das sollte sich jedoch bald ändern.
Zweiter Aufstand in der Champagne im Februar 1911
Um weitere Unruhen in der Champagne zu verhindern, setzte die französische Regierung nach dem ersten Aufstand rasch das bereits in Planung befindliche Champagnergesetz um. Dieses Gesetz regelte nicht nur zum ersten Mal offiziell, welche Rebsorten für Champagner verwendet werden durften und wie er hergestellt werden musste, sondern auch, woher die Trauben kommen durften. Nämlich ausschließlich aus der Champagne selbst. Damit waren die Weinberge in der Aube - und damit auch deren Winzer - eindeutig ausgeschlossen. Der Clou: Einige Champagnerhäuser kauften trotzdem heimlich Trauben aus Aube. Die Qualität war einfach zu gut. Die Winzer von Aube waren indes fast sprachlos. Erst durften sie ihren Schaumwein nicht mehr als Champagner verkaufen, dann wurden sie sogar offiziell ausgeschlossen, und trotzdem wollte man in der Champagne davon profitieren? Sie verloren schließlich die Beherrschung.
Einige Tage später entlud sich ihre Wut in hochaggressiven Straßenschlachten, bei denen sich Winzer aus der Champagne und der Aube bis aufs Blut bekämpften. Als es die ersten Todesopfer gab, wurden erneut Soldaten aus Paris entsandt. Doch sie konnten die Situation nicht unter Kontrolle bringen. Die Straßenkämpfe verlagerten sich nun auf verdeckte Operationen. Immer wieder werden Weinberge in Brand gesteckt und feindliche Geschäfte zerstört. Die Soldaten stehen hilflos daneben und kommen immer zu spät. Erst am 7. Juni 1911 beruhigte sich die Lage etwas. Die Regierung lenkte ein und änderte einen Teil des Champagne-Gesetzes. Die Aube wurde nun als "deuxième zone" eingestuft und durfte somit "Champagner zweiter Klasse" herstellen. Ein genialer politischer Trick, der aber an der Lebenswirklichkeit der Betroffenen völlig vorbeigeht.
Der Konflikt schwelt weiter
Denn seien wir mal ehrlich: Wer will schon zweitklassig sein? Sicherlich nicht die Winzer von der Aube. Schon gar nicht, wenn es um etwas so Erstklassiges wie Champagner geht. Also begannen die Männer zu kämpfen, damit ihre Betriebe endlich offiziell als Teil der Champagne anerkannt werden. Ohne jegliche Herabstufung. Doch der Kampf wurde nicht mehr auf der Straße, sondern vor Gericht ausgetragen. Und er blieb jahrelang erfolglos. Weder die Regierung noch die Champagne selbst ließen sich beirren. Im Jahr 1914 legt der Erste Weltkrieg den Anerkennungsprozess für die Aube auf Eis. Die Winzer wurden zu Soldaten. Viele kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Sowohl die Champagne als auch die Aube verloren viele Väter und Söhne. Auch Jahre nach dem Krieg leiden beide Regionen noch unter den Wunden, die ihnen zugefügt wurden und Narben hinterlassen haben.
Happy End mit einem neuen Champagner-Zusatz
Doch dann erlebte Frankreich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Champagner war plötzlich nicht mehr nur der Elite vorbehalten, sondern wurde auch von der Mittelschicht genossen. Und die waren sehr durstig. In der Champagne war die Produktion jedoch gerade erst wieder in Gang gekommen. Es war unmöglich, diesen enormen Durst allein zu stillen. Für das Jahr 1927 zum Beispiel wurde ein Absatz von über 300 Millionen Flaschen prognostiziert. Die Regierung und die Champagne waren sich schnell darüber im Klaren, dass sie diese enorme Menge niemals ohne die Hilfe von Aube produzieren konnten.
So durften die Winzer aus Aube ab 1927 endlich offiziell "erstklassigen Champagner" herstellen und verkaufen. Und am 22. Juli wurden sie sogar feierlich als Unterregion Côte des Bar in der Champagne aufgenommen.
Wirtschaftliche Interessen sorgten also nicht nur für einen dauerhaften Frieden, sondern auch für die heutigen geografischen Grenzen der Champagne. Und wenn dieses faszinierende Stück französischer Weingeschichte Ihren Appetit auf Champagner geweckt hat, finden Sie bei Best of Wines natürlich eine handverlesene Auswahl an edlen Champagnern aus der Côte des Bar und allen anderen Unterregionen.